Korrekte Klimaführung

Korrekte Klimaführung bedeutet nicht, einfach feste Werte für Temperatur und Luftfeuchtigkeit einzustellen. Entscheidend ist, dass Lichtintensität, Blatttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Bewässerung und Wurzelzone zusammenpassen. Besonders unter LED ist das wichtig, weil moderne LED-Lampen viel nutzbares Licht liefern, die Blätter aber oft weniger direkt erwärmen als HPS-Lampen.

Der wichtigste Zusammenhang ist: Mehr Licht erhöht den Bedarf an Wasserfluss. Wenn die Lichtintensität steigt, steigt auch die Photosyntheseleistung. Die Pflanze braucht mehr CO₂, mehr Kühlung und einen stärkeren Transport von Wasser und Nährstoffen. Dieser Transport funktioniert nur, wenn die Pflanze ausreichend transpiriert und die Wurzelzone Wasser zuverlässig nachliefern kann.

Warum Leaf-VPD wichtiger ist als Raum-VPD

In der Praxis wird oft mit dem normalen Raum-VPD gearbeitet. Dieser wird aus Raumtemperatur und relativer Luftfeuchtigkeit berechnet. Für die Pflanze zählt aber vor allem der Leaf-VPD, also der Verdunstungsdruck direkt am Blatt.

Unter LED können die Blätter häufig 2–4 °C kühler sein als die Raumluft. Das bedeutet: Ein Raumklima kann auf dem Hygrometer gut aussehen, während der tatsächliche Verdunstungsdruck am Blatt zu niedrig ist. Die Pflanze transpiriert dann zu wenig, obwohl Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Raum scheinbar passen.

Deshalb sollte die Klimaführung unter LED nicht nur nach Raumwerten beurteilt werden. Entscheidend ist, ob die Pflanze genug Wasser durch den Organismus bewegt, um Licht, Kühlung und Nährstofftransport zu unterstützen.

Zu niedriger Leaf-VPD

Ein zu niedriger Leaf-VPD bedeutet, dass der Verdunstungsantrieb am Blatt zu schwach ist. Die Pflanze verliert dann wenig Wasser, was auf den ersten Blick positiv wirkt. Unter hoher Lichtintensität kann das aber zum Problem werden.

Wenn zu wenig Wasser verdunstet, ist auch der Wasserfluss durch die Pflanze schwach. Dadurch werden Kühlung und Nährstofftransport limitiert. Besonders Calcium und Magnesium können dann schlechter in schnell wachsende Bereiche transportiert werden. Die Pflanze wirkt oft träge, zeigt schwachen Turgor oder entwickelt Transportprobleme, obwohl die Nährlösung eigentlich ausreichend ist.

Zu hoher Leaf-VPD

Ein zu hoher Leaf-VPD ist das andere Extrem. Die Luft zieht dann sehr stark Wasser aus dem Blatt. Die Pflanze verliert zu schnell Wasser und schützt sich, indem sie die Stomata teilweise schließt. Dadurch sinkt die CO₂-Aufnahme und die Photosynthese wird begrenzt.

Typische Folgen können eingerollte Blätter, trockene Blattränder, verbrannte Spitzen, schwacher Turgor oder allgemeiner Wasserstress sein. Besonders kritisch wird ein hoher Leaf-VPD, wenn gleichzeitig das Substrat zu trocken ist oder der Substrat-EC zu hoch liegt. Dann ist die Nachfrage nach Wasser hoch, aber die Nachlieferung aus der Wurzelzone eingeschränkt.

Das Ziel ist deshalb nicht ein möglichst hoher VPD, sondern ein passender Bereich: genug Verdunstungsdruck für Wasserfluss und Kühlung, aber nicht so viel, dass die Pflanze in Wasserstress gerät.

Leaf-VPD in Abhängigkeit der Phase und Lichtintensität

Phase PPFD LVPD Einordnung
Stecklinge/ Jungpflanzen
150-300
0,6–0,9 kPa
Schonender Wasserfluss, keine harte Transpiration erzwingen.
Vegetatives Wachstum
300-600
0,8–1,1 kPa
Aktive Transpiration, aber kein Wasserstress.
Frühe Blüte
700-1000
1,2–1,5 kPa
Genug Transpiration für Kühlung und Nährstofftransport.
Volle Blüte
1000-1300+
1,5–1,7 kPa
Nur sinnvoll bei stabiler Bewässerung und moderatem Substrat-EC.

Diese Werte beziehen sich auf den Leaf-VPD, nicht nur auf den Raum-VPD. Gerade bei LED muss deshalb berücksichtigt werden, dass die Blatttemperatur niedriger sein kann als die Raumtemperatur.

Temperatur richtig führen

Unter LED sind in der Wachstumsphase und frühen Blüte eher höhere Raumtemperaturen sinnvoll. Wenn die Blätter 2–4 °C kühler sind als die Luft, kann ein Raum mit 26 °C am Blatt schnell nur 22–24 °C bedeuten. Das ist für hohe Pflanzenleistung oft zu träge.

Für die Wachstumsphase und frühe Blüte sind unter LED häufig 26–29 °C Raumtemperatur sinnvoll, solange die Luftfeuchtigkeit so angepasst wird, dass der Leaf-VPD passt. Die Pflanze bleibt dadurch aktiver, transpiriert besser und kann Wasser und Nährstoffe effizienter transportieren.

Gegen Ende der Blüte sollte die Temperatur dagegen reduziert werden. Werte um 24 °C sind hier sinnvoller, weil dauerhaft hohe Temperaturen flüchtige Aromastoffe wie Terpene negativ beeinflussen können. In der späten Blüte geht es nicht mehr nur um maximale Pflanzenaktivität, sondern auch um Qualität, Aroma und stabile Blütenreife.

Luftfeuchtigkeit immer an Temperatur und Phase anpassen

Die Luftfeuchtigkeit wird so eingestellt, dass der gewünschte Leaf-VPD erreicht wird. Nicht umgekehrt.

Verbindung zur Wurzelzone

Klimaführung endet nicht bei Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit. Wenn mehr Licht gefahren wird, muss auch die Wurzelzone mithalten. Die Pflanze braucht genug Wasserfluss von unten nach oben. Ein zu hoher Substrat-EC kann diesen Wasserfluss erschweren, weil die Salzkonzentration im Wurzelraum den osmotischen Druck erhöht.

Das heißt: Hoher Leaf-VPD und hoher Substrat-EC können beide den Wasserhaushalt belasten, aber von unterschiedlichen Seiten. Hoher Leaf-VPD zieht zu stark am Blatt. Hoher Substrat-EC erschwert die Wasseraufnahme an der Wurzel. Beides kann dazu führen, dass die Pflanze Licht schlechter nutzt.

Fazit

Mehr Licht braucht mehr Wasserfluss. Dieser Wasserfluss entsteht nur, wenn Leaf-VPD, Blatttemperatur, Bewässerung und Wurzelzone zusammenpassen.

Zu niedriger Leaf-VPD limitiert Transpiration, Kühlung und Nährstofftransport. Zu hoher Leaf-VPD erzeugt Wasserstress und kann Stomata schließen. Unter LED ist deshalb der Leaf-VPD wichtiger als der reine Raum-VPD, weil die Blätter oft kühler sind als die Raumluft.

In Wachstum und früher Blüte sind eher aktive, wärmere Bedingungen sinnvoll. In der späten Blüte sollte die Temperatur reduziert werden, um Terpene besser zu erhalten. Die Luftfeuchtigkeit wird dabei immer so angepasst, dass der passende Leaf-VPD für die jeweilige Phase erreicht wird.

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